Chronik
Prolog
Nikolai betritt tropfend nass sein kleines Zimmer im spärlich reparierten Haupthaus der alten Burgruine. Mühevoll streift er den schweren, nassen Mantel von den Schultern und lässt ihn über dem Besucherstuhl fallen, unter dem sich sofort eine kleine Pfütze bildet. Sogleich setzt er sich an den kleinen Arbeitstisch und öffnet ein in Wachstuch gebundenes Buch. Er blättert durch die wenigen Einträge, die er bereits verfasst hatte.
Die Chronik der Söldnerstadt
3. Woche des 8. Monats im Jahr 19 nach der Entdeckung

Der Sommerfeldzug ist zu Ende. Wir waren siegreich vor den Toren Ankor Mortis. Der Untod ist besiegt! Zumindest hat man uns das gesagt. Es gibt aber bereits Gerüchte, dass ein neuer Herrscher der Untoten erwacht ist. Das ist schrecklich, aber gut für's Geschäft!
Die Söldner waren gut gelaunt, als sie das Schlachtfeld verließen. Es gab erfolgreiche Schlachten, Sold und genug Bier, um die Gefallenen bei einer großen Feier zu ehren. Doch jetzt wissen viele nicht, wohin sie weiterziehen sollen. Der Kataklysmus hat die Söldnerstadt zerstört. Söldnerthal auf dem Berg ist völlig verwüstet und meine Investitionen habe ich verloren. Keine gute Zeit für die Landhanse. Kein Zuhause für die Söldner, wie ich es ihnen versprochen hatte.
Auf dem Weg nach Norden haben wir diese Burgruine entdeckt. Wie durch ein Wunder ist sie nicht im Sumpf versunken. Ein paar Mauern stehen noch, so dass sie etwas Schutz vor dem Wetter bietet, während wir die Schiffe für die Reise beladen. Der Fluss im Westen mündet in den großen Strom, so dass wir einen guten Zugang zum Ozean haben. Von hier aus können wir zurück nach Mitraspera reisen. Doch wohin sollen wir gehen?
2. Woche des 9. Monats, 19 n.d.E.
Wir sind noch immer auf dem Südkontinent. Einige Söldner haben wir bereits verschifft. Sie wollten zurück nach Mitraspera um ihr Glück in einem der Siegel zu suchen. Der Kataklysmus hat auch dort Spuren hinterlassen. Es gibt Hungersnöte und Aufstände. Einige reiche Pinkel bezahlen viel Silber um ihre Villen und Reichtümer zu sichern. Einfaches Geld für professionelle Krieger.
Andere haben begonnen, sich hier häuslich einzurichten. Sie haben es satt, in windigen Zelten und auf dem Boden zu schlafen. In der Burg gab es eine alte Baracke und einen Stall. Ein paar Handwerker unter den Söldnern haben die Führung übernommen und leiten den Rest an, die Mauern und die Dächer provisorisch zu reparieren. Wehmütig erinnere ich mich an die Anfangszeit der alten Söldnerstadt.
Ich selbst habe meine Arbeiter angewiesen, die Landestelle zu verstärken. Wir werden Stege und einen hölzernen Unterstand errichten, um das Be- und Entladen der Schiffe zu erleichtern. Zu viele Waren habe ich bereits durch schlechtes Wetter verloren. Ich habe angeordnet, dass jeder arbeitende Söldner Verpflegung zum halben Preis erhält. Wollen wir doch mal sehen, wer alles mit anpackt.
3. Woche des 10. Monats, 19 n.d.E.

Ein Fest! Nein, ein Turnier! Diese Söldner sind doch immer wieder für eine Überraschung gut. Der Stall, die Baracken und das Haupthaus der Burg sind inzwischen bewohnbar. Selbst ein provisorisches Waschhaus haben diese Teufel errichtet. Einige Söldner haben den Wunsch geäußert, hier zu bleiben. Und jetzt waren Alle so guter Dinge, dass sie feiern wollten.
Und das haben sie auch getan. Ein Turnier mit Baumstammwerfen, Bogenschießen und Wettrüsten haben sie veranstaltet. Dazu auch ausgefallenere Disziplinen wie Wassertragen, Baumstamm sägen und ein Bardenwettstreit. Ich selbst bin beim Tauziehen im Matsch gelandet. Ich habe herzhaft gelacht, obwohl ich dabei meine teure Tunika beschmutzt hatte.
Shamous hatte zur Feier des Tagen seine Bediensteten dazu angewiesen, einen Schankraum einzurichten. So endeten diese Tage, wie man es bei Söldnern erwartet. Mit Musik, Trank und Speiß, Würfelspielen und der ein oder anderen Schlägerei. Das alles hat mich davon überzeugt, dass diese Burg der richtige Ort für ein Winterlager ist. Jetzt muss ich nur noch herausfinden, was es mit den Schriftzeichen auf sich hat, die hier auf einigen Wänden und Dokumenten zu finden sind.
1. Woche des 3. Monats, 20 n.d.E.

Der Winter ist vorbei! Die Sonne strahlt und die Schneemassen beginnen zu tauen. Rund 50 Söldner sind am Ende hier geblieben und haben den Elementen des Südens getrotzt. Es war ein ruhiger Winter. Der Fluss war vereist, so dass die Versorgungsschiffe an der Flussmündung entladen werden mussten. Von dort aus haben wir die Güter auf provisorischen Schlitten transportiert. Doch es gab keine größeren Probleme. Der sonst so gefährliche Sumpf war unter Schnee und Eis gut befahrbar geworden.
Jetzt wird sich das wieder ändern. Der Sumpf wird unser größtes Problem sein, wenn wir uns hier für längere Zeit niederlassen wollen. Südlich der Burg sieht man die Ruinen einer alten Siedlung, die im Morast versunken ist. Zwar ist weder die Luft giftig, noch gibt es Wiedergänger, die sich aus dem Moor erheben, aber dennoch wird es kein Leichtes sein, diesen Boden bebaubar zu machen. Wer weiß, was sich unter diesem Moor alles finden lässt?
Wir werden Bodenschätze benötigen, um eine kleine Siedlung zu errichten. Holz ist kein Problem. Die Wälder der Umgebung sehen zwar etwas trostlos aus, sie scheinen jedoch gesund und ertragreich zu sein. Am Flussufer gibt es auch lehmhaltigen Boden, den wir zum Hausbau verwenden können. Für alles weitere müssen wir zuerst die Umgebung erkunden. Jedoch weiß ich nicht, wie viel Zeit uns dafür bleibt. Wir haben Nachrichten erhalten, dass sich etwas im Süden am großen Eiswall zusammenbraut. Ich habe die Vermutung, dass es schon bald Arbeit für die Söldner geben wird.
4. Woche des 6. Monats, 20 n.d.E.
Die Gespräche auf dem Convent haben es bestätigt. Die Untoten sind zurück! Der Eiswall im Süden ist getaut und eine neue Armee hat sich erhoben um gegen die Siedler zu ziehen. Die Herrschenden der Siegel stellen einen neuen Feldzug zusammen um gegen die Untoten und ihre Verbündeten zu kämpfen. Die Arbeiten an der Burg sind zum Stillstand gekommen. Eine Nachricht der Kommissionäre hat mich erreicht. Die Söldner ziehen in die Schlacht und benötigen Essen, Ausrüstung und Transport. Zeit für ein gutes Geschäft!
Mit jedem Tag erreichen wieder mehr Söldner unseren kleinen Vorposten. Es ist die Zeit des Wiedersehens und der Freude darüber, dass man einen Winter überstanden hat und wieder in die Schlacht ziehen kann. Auch neue Gesichter sind zu sehen. Alte Veteranen, die ihr Siegel verließen, weil der Kataklysmus ihnen alles genommen und die Herrschenden kein Mitleid mit ihnen hatten. Aber auch junge Streiter, die zum ersten mal ihr Glück in der Schlacht suchen. Manche Söldner suche ich jedoch vergebens. Es sind nicht alle zurück gekehrt.
3. Woche des 8. Monats, 20 n.d.E.

Der diesjährige Sommerfeldzug ist beendet. Das Schlachtfeld ist unter den gewaltigen Wassermassen abgesoffen. Mehrere Karren sind im Schlamm stecken geblieben und mussten aufgegeben werden. Die Söldner haben sogar ein eigenes Pionierkorps gegründet, um der Gegegebenheiten Herr zu werden. Doch schließlich haben sich alle auf den Weg gemacht. Zurück nach Norden. Weg von den Schrecken, die aus dem ewigen Eis erwacht sind.
Ich habe den schnellsten Wagen genommen, um vor dem Heer hier zu sein. Jetzt gilt es, die müden und entkräfteten Söldner zu empfangen und deren Versorgung sicherzustellen. Die schlechten Bedingungen der Umgebung und die schlechte Organisation des Trosses haben mich davon überzeugt, dass wir hier auf dem Südkontinent eine Infrastruktur errichten müssen, wenn wir Fuß fassen wollen. Das braucht Zeit und Geld, aber auch Ressourcen und Schutz. Ich muss möglichst viele Söldner überreden, hier zu bleiben.
Bald schon wird uns der Hauptteil des Heeres erreichen. Einige Bekannte erreichen jetzt schon den Vorposten. Es ist Zeit, zu handeln.